Synagoge Fellheim: Ergebnisse der Befundanalyse und erste Ideen für den Rückbau

Die Ergebnisse der Befundanalyse an der Synagoge Fellheim, die im Juni und Juli dieses Jahres durchgeführt wurde, liegen nun vor. Zudem hat der beauftragte Architekt, Kreisheimatpfleger Peter Kern aus Mindelheim, auch erste Ideen für eine Umgestaltung des Gebäudes präsentiert.

Ziel der Befundanalyse war es vor allem, einen Eindruck zu gewinnen, wieviel von der ursprünglichen Bausubstanz des Gebäudes, an dem in den 50-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts massive bauliche Veränderungen vorgenommen wurden, noch vorhanden ist. Dazu wurde an einigen ausgewählten Stellen im Inneren und an der Außenfassade der Putz entfernt sowie nach ursprünglichen Fundamenten von nicht mehr vorhandenen Gebäudeteilen (Südturm mit dem Eingang zur ehemaligen Frauenempore) gegraben.

 

 

 

 

 

Die Untersuchungen ergaben, dass das Gebäude bereits vor der Schändung in der Reichspogromnacht 1938 mehrfach umgestaltet wurde. So wurden an der Ostwand Teile eines runden Fensters nebst umlaufender Bemalung freigelegt. Dieses Fenster ist auf historischen Aufnahmen nicht zu sehen. Daneben konnten Reste der Leibung eines der großen maurischen Fenster, die nach 1945 herausgebrochen und zugemauert wurden, freigelegt werden. Auch Reste des Fundaments des Südturms wurden gefunden.

 

 

Zusammenfassend ergab diese Untersuchung, dass offensichtlich noch mehr historische Elemente vorhanden sind und freigelegt werden können, als ursprünglich angenommen. Für eine umfassendere weitere Analyse sind u.a. eine Eingerüstung des Gebäudes sowie Grabungen auf dem auf der Westseite vorbeiführenden Gehsteig notwendig. Dies soll zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen.

Ein weiterer Teil der Untersuchungen betraf die Genisa-Funde auf dem Dachboden des Gebäudes. Das mit der Auswertung beauftragte Institut datierte die frühesten Funde auf das beginnende 18. Jahrhundert. Bei den Fundstücken handelt es sich überwiegend um Gebetsliteratur. Exponate aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden z.T. nur auf Deutsch verfasst. Sie genießen nach Auskunft der Experten durchaus Seltenheitswert, da sie eine weit fortgeschrittene Assimilierung der Juden belegen. Auf dem Dachboden befinden sich auch noch zwei Bretter der einstigen Frauenempore. Bei Aufräumarbeiten auf dem Dachboden wurden Ende August noch weitere Stücke gefunden. Diese müssen noch ausgewertet werden. Eine vollständige Öffnung und Untersuchung des Dachbodens steht ebenfalls noch aus.

In der Sitzung des Fellheimer Gemeinderats vom 31. August 2010 präsentierte Architekt Kern auch erste Überlegungen für eine zukünftige Umgestaltung und Nutzung des Synagogengebäudes. Seine Überlegungen beruhen im Wesentlichen auf zwei Aspekten.

1. Das Gebäude wird im Inneren völlig entkernt, um den hallenartigen Raum, der vor dem Umbau vor 60 Jahren vorhanden war, wieder entstehen zu lassen. Somit wäre auch eine Nutzung des Gebäudes z.B. für kulturelle Veranstaltungen möglich. Die Reste der historischen Bausubstanz sollen so weit wie möglich freigelegt und erhalten werden. Dazu gehören auch die maurischen Fenster, deren Lage und Größe nach Auskunft der Experten genau erschlossen werden kann.

2. Nicht mehr vorhandene, das frühere Erscheinungsbild prägende Gebäudeteile, Gestaltungsmerkmale oder für eine Synagoge essentielle Einrichtungsgegenstände sollten nur vereinzelt wiederhergestellt und z.T. mit einer neuen Funktion versehen werden. Dies betrifft zum einen die einstige Frauenempore, die in moderner Form als selbsttragendes Element wieder eingebracht und z.B. für die Unterbringung einer Gemeindebücherei genutzt werden könnte. Der Südturm, welcher ebenfalls wieder neu errichtet werden sollte, könnte als separater Zugang zur Empore dienen. Wieder erstellt werden sollte auch der ehemalige Thoraschrein, welcher durch seine neue Gestaltung als Blickfang für den Besucher auch auf die Schändung des Gebäudes 1938 hinweisen würde. Für die Gestaltung dieser wiedererrichteten Elemente schlägt Kern eine deutliche Abgrenzung zur vorhandenen Bausubstanz vor. Damit solle der Eindruck vermieden werden, es handle sich bei den Elementen um eine originalgetreue Rekonstruktion, welche aufgrund von fehlenden Überlieferungen nicht mehr möglich ist und aus denkmalpflegerischer Sicht auch falsch wäre. Eine ähnliche Vorgehensweise würde der Kreisheimatpfleger auch für die weitere Gestaltung des Innenraums bevorzugen. Es existieren nach heutigem Kenntnisstand keine historischen Aufnahmen aus dem Inneren des Gebäudes und es steht nicht zu erwarten, viel von der einstigen Wandgestaltung wiederzufinden, da der Putz beim erwähnten Umbau vor 60 Jahren großflächig entfernt wurde.

Fazit:

Kerns Ideen stießen beim Fellheimer Bürgermeister, dem Gemeinderat und dem Vorstand des Förderkreises durchaus auf Zustimmung. Aufgrund der massiven Eingriffe in die historische Bausubstanz vor 60 Jahren unterscheidet sich die Fellheimer Synagoge fundamental von anderen schwäbischen Synagogen z.B. in Binswangen oder Hainsfarth. Die Restaurierung dieser Synagogen hatte den Erhalt bzw. die Wiederherstellung der weitgehend noch vorhandenen historischen Gestaltung zum Ziel. Dies wird in Fellheim wohl anders sein. Über das Ziel der Umgestaltung sind sich alle Beteiligten aber einig: Dem Gebäude sollte durch die Maßnahmen seine einstige Würde zurückgegeben werden, ohne dabei die massiven baulichen Veränderungen bzw. Zerstörungen zu kaschieren. Damit wäre das Gebäude auch ein Lernort z.B. für Schülergruppen.

Die weiteren Schritte:

Das Architekturbüro Kern wird in Kürze eine erste Kostenschätzung für die Realisierung der vorgebrachten Ideen vorlegen. Damit kann dann ein Nutzungs- und Finanzierungskonzept ausgearbeitet werden. Auf dieser Grundlage müssen dann die Ideen weiter ausgearbeitet werden. Dabei spielen weitere Untersuchungen zur historischen Bausubstanz eine entscheidende Rolle.

Interessierte können sich über die Ergebnisse der Befunduntersuchung sowie die Nutzungs- und Umgestaltungsideen im Rahmen einer Ausstellung genauer informieren. Diese wird vom 14.-28.11.2010 an drei Sonntagen in der ehemaligen Synagoge in Fellheim (Memminger Straße 17) zu sehen sein.

Christian Herrmann

Vorsitzender des Förderkreises Synagoge Fellheim e.V.